Michael Beleites - Positionen - Horizont & Bewusstsein: Warum Dresden anders ist

Michael Beleites

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Horizont & Bewusstsein: Warum Dresden anders ist

„Außer Raum Dresden“ − so haben in der DDR viele Menschen das Kürzel ARD übersetzt. An Hohn und Spott über das beim Empfang des Westfernsehens benachteiligte Gebiet hat es nie gefehlt: Als „Tal der Ahnungslosen“ wurde das Elbtal oft gesehen − und seine Bewohner als hinterwäldlerisch betrachtet. Wenn man aber in den 1980er Jahren aus einer anderen Region der DDR nach Dresden kam, so war man positiv überrascht, dass gerade hier ein freierer Geist wehte und die Menschen viel offener waren und einen weiteren Horizont hatten, als andernorts. Die Kluft zwischen politisch Oppositionellen und „Normalbevölkerung“ war hier weniger tief, die Übergänge zwischen Angepassten und Unangepassten waren fließender. Und die Extreme auf beiden Seiten waren weniger extrem. Es war eine irgendwie angstfreiere Atmosphäre als in Leipzig, Jena oder Ost-Berlin. Insoweit war Dresden vielleicht der einzige wirklich osteuropäische Ort in der DDR: Eine Stadt, die ein Flair hatte, das mit dem in Budapest, Krakau oder Wilna jener Jahre vergleichbar war.
Vielleicht bedeutete ja die Abwesenheit des Westfernsehens hier schlicht und einfach eine Abwesenheit des Fernsehens überhaupt? Denn wer wollte sich schon das Ost-Fernsehen zumuten? Vielleicht hatte Dresden trotz der Zerstörung im Februar 1945 noch so viel Tradition und kulturelle Substanz in der Stadt sowie berührende Natur- und Kulturlandschaft im Umland, dass man es hier gar nicht als einen Mangel wahrnahm, nicht die ganze Freizeit vor der „Glotze“ verbringen zu können. Vielleicht war Dresden in den 1980er Jahren die letzte deutsche Großstadt, in der ein von elektronischen Medien unabhängiges Bewusstsein existierte? Wenn es nun ein solches besonderes Bewusstsein im Vor-Wende-Dresden gab, wie hat sich das auf die Auseinandersetzung mit der Umweltkrise ausgewirkt? Was war in Dresden anders?
Zunächst war Dresden von den äußeren Bedingungen her eher durchschnittlich beeinträchtigt: Dresden war eine kohlebeheizte Stadt, wo sich im Talkessel der Elbe die dicke Luft staute, die zudem von Industrieabgasen, insbesondere aus Freital und Heidenau, angereichert wurde. Aber das sonstige Umland war weitestgehend unangetastet. Im Gegensatz zu Leipzig war Dresden nicht von Braunkohletagebauen und Chemieindustrie eingekreist. Wer zum Skifahren nach Altenberg kam, konnte jedoch den toten Wald nicht übersehen, die flächenhaft abgestorbenen Fichtenforste in den Kammlagen des Osterzgebirges. Und in Gittersee gab es den einzigen Uranbergbau-Standort Europas, der unmittelbar am Rande einer Großstadt lag. Die Elbe war dreckig, aber als ein die Stadt prägender Strom wahrnehmbar − und wirksam. Schon dieses Durchflossensein der Stadt von Wassern, die, aus dem böhmischen Becken kommend, über Prag, Dresden und Hamburg in die Nordsee strömten, ließ für viele Dresdner die Zumutungen des DDR-Alltags klein und nichtig erscheinen.
Vielleicht hat dieses „drin stehen“ in gesamteuropäischen Zusammenhängen und die Beheimatung an einen geschichtsträchtigen Ort den Dresdnern auch das nötige Selbstwertgefühl und den Mut verliehen, sich zu den brennenden Fragen der Zeit klar und deutlich zu artikulieren? So war es eben nicht verwunderlich, sondern folgerichtig, dass die meisten entscheidenden Initiativen für die oppositionelle Basisgruppenarbeit in der DDR von der Stadt Dresden ausgegangen sind, wo die westlichen Medien den geringsten Einfluss hatten. Dresden hatte nicht die lauteste und bekannteste, aber wohl die wirksamste oppositionelle Szene. [...]
Und nun, da Dresden im westlich geprägten Medienzeitalter angekommen und das von elektronischen Medien unabhängige Bewusstsein auch hier entschwunden ist, stellt sich die Frage, was aus dem damals weiteren Horizont dieser Stadt geworden ist. Es gibt ihn noch! Dresden hat sich − aller saxophoben Stimmungsmache zum Trotz − seine Weitsicht bewahrt. Egal, wie man die in jüngster Zeit auf die Straßen getragenen Fragen bewertet: Dass sich die Dresdner auch heute nicht nur um ihre eigenen Lokalprobleme sorgen, ist offenkundig. Und wenn Wege zu einer Überbrückung der Kluft zwischen Angepassten und Unangepassten gangbar werden, dann wohl am ehesten in Dresden.
Michael Beleites (2016): Die einzige osteuropäische Stadt. Dresden in der Auseinandersetzung mit der Umweltkrise. In: Dresdner Hefte, 34. Jg., Heft 128, 4/2016. S. 43-52.

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